Die grüne Oase mitten in der Altstadt am Liebfrauenberg, die über viele Jahrzehnte gewachsen ist, ist bedroht. Die Stadt will die vier riesigen Bäume hochpreisigen Wohnungen opfern. Die ästhetische und psychologische Funktion von Grün ist modernen Städten sehr bewusst. Viele Städte versuchen aufgrund der Luftverschmutzung und wegen des Klimawandels Bäume in die Stadt zu bringen.

 

Foto: Pollnitz

So gibt es in Wetzlar den neuen Wettbewerb „Zeig Dein Grün!“, den der Umweltdezernent Norbert Kortlücke (Grüne) gemeinsam mit dem Leiter des Stadtbetriebsamtes Kay Velte sowie Tamara Brune und Kirsten Ohlwein von der Pessestelle kürzlich vorstellten. Es sei eine moderne Kampagne zur Förderung von vielfältigem Grün in der Stadt. Nach Kortlücke gehe es um die ganze biologische Vielfalt.Trotzdem stimmt das gesamte Stadtparlament, sogar die Grünen, für die Zerstörung der grünen Oase am Liebfrauenberg. Wie passt das zusammen?

(siehe Wetzlarer Zeitung vom 18. Mai 2018, S.12)

Für Stephan Heldmann, dem Leiter des Grünflächenamtes Frankfurt am Main und Vizepräsidenten in der Gartenamtsleiterkonferenz Deutschland, ist die Bedeutung von öffentlichem Grün für alle wachsenden Städte immens.
Er meint, dass es auf den Faktor Grünräume ankommen werde, wenn es darum geht, die Lebensqualität zu bewahren. Es gebe heute viele Aspekte, für die das Grün stehe, die viele Jahre unterschätzt worden seien. An erster Stelle der soziale Aspekt, der sich über den Freiraum definiere. Für ihn gehen die klimatischen und ökologischen Herausforderungen, die im Stadtgebiet zunehmend entstehen, in die Stadtplanung ein. Die Stadt der Zukunft werde grün.  https://www.youtube.com/watch?v=L24LAgKiKh8

Die grüne Oase am Liebfrauenberg liegt im Mittelpunkt eines Kreises von etwa 200 Metern Durchmesser, in dem keine weiteren Bäume nennenswerter Größe stehen. Der Verlust dieser grünen Lunge inmitten der Altstadt wäre eine Katastrophe. Die grüne Oase am Liebfrauenberg in Kombination mit den angrenzenden Fachwerkhäusern ergibt wunderbare Fotomotive.

Wetzlar kümmert sich ja besonders um Touristen. Touristen nehmen die Raumwirkung ganz intuitiv wahr. Dabei spielt das Grün eine wichtige Rolle. Wetzlar hat eine Broschüre zum Tourismuskonzept herausgegeben. Auf der Titelseite sind drei Fotos von Wetzlar abgebildet: Allesamt mit viel Grün von Bäumen. Man empfindet das intuitiv als schön. Kaum jemand nimmt Bäume aktiv wahr. Trotzdem wirken sie positiv.

Es ist bekannt, dass Immobilien, die in unmittelbarer Nähe von Büschen, Sträuchern und Bäumen stehen, einen viel höheren Wert haben. Durch Grün steigt die Lebensqualität.

Helga Leithäuser, Bürgerin von Wetzlar, berichtet, dass ihre Mutter 1996 – 2003 im Stadthaus mit Balkon zum Liebfrauenberg wohnte. Den Duft der blühenden Linden habe sie noch heute in Erinnerung. Den neuen Bewohnern der Domhöfe sollte ihrer Ansicht nach dieses Erlebnis auch vergönnt sein.

Der Platz könnte stattdessen wunderbar zu einem neuen Spielplatz für die neuen Bewohner der Domhöfe und deren Familien umgestaltet werden. Dadurch würde sich die Wohnqualität erheblich steigern und die Wohnungen u.a. für Familien attraktiver werden. Der Platz würde belebt und es könnte Kommunikation unter den Bewohnern der Altstadt stattfinden.

Sollte unterhalb des Platzes mit den Bäumen dennoch eine Gastronomie gebaut werden, könnte man die grüne Oase auch als Bewirtungsfläche nutzen. Auch böte sich ein Biergarten an, den die Kinobesucher nach dem Kino aufsuchen könnten. Der an schönen Tagen überlastete Biergarten an der Lahn bzw. die Außenbewirtung am Kornmarkt würden entlastet.

Die grüne Oase verbindet die beiden attraktiven Plätze Kornmarkt und Eisenmarkt und schafft eine angenehme Atmosphäre. Wenn man heute Touristen erzählt, dass die Bäume verschwinden sollen und der Platz überbaut werden soll, sind sie entsetzt. Auch wissen die Gäste, die im Hörnsheimer Eck auf der Außenterrasse ihre Fischgerichte verspeisen, nicht, dass sie möglicherweise in Zukunft nicht in die grüne Oase blicken werden, sondern auf eine Häuserfront. Die meisten Bewohner im Umfeld der Oase sind für den Erhalt der grünen Oase: (Siehe Unterschriftenliste!)

Es gibt Berechnungen, nach denen eine 150 Jahre alte Buche pro Tag über ihre Blätter 24 Kilogramm CO2 aufnimmt. So viel wie ein Kleinwagen im Durchschnitt auf 150 Kilometer in die Luft pustet. Außerdem werden Schadstoffe aus der Luft gefiltert: Bakterien, Pilzsporen und Feinstaub. Täglich werden von ihr rund 11.000 Liter Sauerstoff produziert. Das entspricht in etwa dem Tagesbedarf von 26 Menschen. Über ihre Blätter verdunstet sie täglich bis zu 500 Liter Wasser. Wenn der Baum gefällt wird, müsste man etwa 2.000 junge Bäume mit einem Kronenvolumen von 1 m2 pflanzen, wollte man ihn vollwertig ersetzen. Die Kosten dafür dürften bei etwa 150.000 € liegen. Die vier ausgewachsenen Bäume auf dem Platz am Liebfrauenberg bilden zusammen eine Krone, die den Berechnungen der alten Buche bei Weitem entsprechen.

Bereits 1984 sorgte der schwedische Forscher Roger Ulrich mit einer Studie für Aufsehen, der zufolge Patienten schneller gesund werden, wenn sie ins Grün schauen. Ulrich hatte die Krankenakten von 46 Patienten in einem Krankenhaus von Pennsylvania verglichen. Die eine Hälfte hatte aus ihrem Zimmer auf eine Mauer geblickt, die andere auf eine Grünfläche mit Bäumen. Ergebnis: Wer die Aussicht ins Grüne hatte, wurde einen Tag früher entlassen als die Vergleichsgruppe (acht statt neun Tagen). Außerdem kamen die Patienten mit weniger Schmerzmitteln aus.

Die Versiegelung unserer Umwelt ist ein bekanntes Problem. Die Kanalisation wird durch Bäume – besonders auch bei Starkregen – erheblich entlastet, da Baumkronen eine Menge Wasser speichern, das sonst ungebremst in die Kanalisation läuft und Überschwemmungen provoziert.

Alle Verantwortlichen, vom Investor Martin Bender über die Architektin Wünschmann und die Stadtverordneten, müssen zur Vernunft kommen. Wohnraum darf nicht auf Kosten der gesamten Raumqualität entstehen. Am Ende verliert die Stadt das Wichtigste überhaupt: Atmosphäre und Wohnqualität. Die Oase mit den vier großen Bäumen am Liebfrauenberg muss unter allen Umständen erhalten bleiben. Die geplante Bebauung wäre ein schwerer Verlust für die gesamte Altstadt, für die Anwohner, für zukünftige Anwohner der Domhöfe, für die Außenbewirtung des Hörnsheimer Ecks, für die Kinder in der Altstadt, für die lebendige Ästhetik und Atmosphäre, für die Vögel, das Klima und die Touristen. Dieser grüne Ort muss erhalten bleiben.

H. Minde