Grußbotschaft des Vorsitzenden der IRH zum Ramadan 2014

„Die Einheit der Muslime ist heute wichtiger denn je.“

Der segensreiche Fastenmonat Ramadan ist wieder da. Der diesjährige Ramadan beginnt an diesem Samstag, dem 28. Juni 2014, und endet am Sonntag, dem 27. Juli 2014. Der erste Tag des dreitägigen Ramadanfestes ist somit der Montag, der 28. Juli 2014.

Das Fasten im Ramadan als eine der fünf Säulen (das Islam-Bekenntnis, das rituelle, täglich fünfmalige Gebet, das Fasten im Ramadan, die soziale Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka) gehört zu den hervorragendsten Kennzeichen des Islam und ist hinsichtlich der Herrschaft und der Barmherzigkeit Allahs/Gottes, des individuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen, der Selbstdisziplinierung und des Dankes gegenüber den göttlichen Gaben, voller Weisheit. Das Fasten bricht unmittelbar die eingebildete Selbstherrlichkeit und stärkt das Bewusstsein des Fastenden für seine Abhängigkeit von seinem Schöpfer. Das Fasten bringt den Menschen zur Räson, dass er schwach, bedürftig und vergänglich ist, ohne Gnade und Barmherzigkeit Gottes nicht leben und bestehen kann und die Gier nach mehr Hab und Macht sinnlos ist. Das Fasten im Ramadan stellt auch die Grundlage der sozialen Gerechtigkeit in gelebter Form dar. Denn nur durch das „Hungern“ beim Fasten können sich die Menschen im Wohlstand in den erbarmungswerten Zustand der Menschen in Not einfühlen. Vor allem ist Ramadan „der Monat, in dem der Koran als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung.“ (aus dem Koran: 2/185)

Das ideale Fasten bedeutet, neben dem Magen auch alle Sinne, wie die Seele, das Herz, den Verstand, die Phantasie, das Auge, das Ohr einer Art Fasten zu unterziehen, d.h. diese dem unstatthaften und nutzlosen Handeln zu entziehen und jeden Sinn bei seinem speziellen Dienen zu motivieren. Somit sind während der Fastenzeit von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang einerseits der Verzehr und Konsum von Speisen, Getränken und Tabak sowie leibliche Gelüste nicht erlaubt. Andererseits ist es geboten, sich von bösen und schlechten Taten und verbotenen Dingen fernzuhalten. Beispielsweise soll der Fastende seine Zunge vor der Lüge, übler Nachrede, groben und hässlichen Worten und Schimpfwörtern bewahren und sie in dieser Form fasten lassen. Stattdessen soll die Zunge mit der Rezitation des Korans, dem Gedenken, Lobpreisen, Segenswunsch und der Buße beschäftigt werden.

Das Fasten im Monat Ramadan, genauso wie die anderen Säulen des Islam, symbolisiert zugleich die Einheit und Geschwisterlichkeit der Muslime weltweit. Ganz im Gegensatz und Widerspruch zu dieser Tatsache und der diesbezüglichen eindeutigen Botschaft des Korans und der Sunna „Alle Gläubigen/Muslime sind Geschwister“ herrscht eine kriegerische Auseinandersetzung unter Muslimen in der islamischen Welt. Angesichts von Unfrieden und Gewalt, von Flucht und Vertreibung in Syrien und Irak sind auch wir Muslime in Deutschland besorgt. Die politischen, gesellschaftlichen und militärischen Spannungen und Konflikte in den beiden Ländern dauern kurz vor dem Ramadan an. Ein Land wie Irak, das Jahrhunderte lang in seiner Geschichte als das Zentrum und Vorbild der Zivilisation, der Kultur, der Wissenschaft und der gelebten Toleranz für die ganze Welt galt, hat sich mittlerweile zum Zentrum des Verbrechens und der konfessionellen Anfeindungen unter Muslimen gewandelt.

Die wichtigste Ursache dafür liegt vor allem in der künstlichen und gezielten Teilung und Spaltung des ganzen Nahostens durch die Siegerländer nach dem Ersten Weltkrieg, der mehr als 17 Millionen Menschenleben gekostet hat (Der 28. Juni 2014 ist der 100. Jahrestag dieser Urkatastrophe des 20. und 21. Jahrhunderts). Nicht zuletzt sind die USA mit ihrem Golf- bzw. Irak-Krieg an der Zuspitzung der politisch-gesellschaftlichen, ethnisch-kulturellen und religiös-konfessionellen Anfeindungen und Konflikte in der ganzen Region mitschuldig. Auch viele westlichen Länder verantworten durch ihre Waffenlieferungen das Blutvergießen in diesen Krisenregionen mit.
Bei aller berechtigten Kritik an der Mitschuld der Großmächte müssen Muslime in der Region erst ihr verkehrtes Islamverständnis überdenken. Im Namen des absoluten Wahrheitsanspruchs, genauer gesagt, des religiösen und konfessionellen Fanatismus erklären die einen Muslime die anderen zum Ungläubigen und die eine Gruppe ruft zum Dschihad gegen die andere. Muslime werden von Muslimen getötet und die heiligen Stätten der Schiiten, welche zugleich der ganzen islamischen Gemeinschaft gehören, werden von Muslimen zerstört. Viele Gelehrten sowohl auf der Seite der Sunniten als auch der Schiiten verantworten mit ihren Fatwas und Stellungnahmen seit Jahrhunderten diese Anfeindungen zwischen Sunniten und Schiiten mit. Diese Feindschaften schürenden und Gewalt verherrlichenden Fatwas sind weder durch den Koran noch die Sunna zu rechtfertigen. Jeder, der sich zum Islam bekennt, gehört dem Islam an. Keiner hat die Autorität einen anderen aus dem Islam auszuweisen. Niemand darf den Namen Allahs/Gottes als Rechtfertigung für Gewalt und Verbrechen missbrauchen!

Wir als sunnitische und schiitische Muslime in Deutschland haben hier zwar keine Kompetenzen und Möglichkeiten von hier aus diese konfessionellen Konflikte in der islamischen Welt zu lösen. Für deren Lösung und den Frieden können wir aber einerseits unserem Schöpfer beten und zugleich ein gut gelingendes Beispiel der Geschwisterlichkeit und Einheit von Deutschland aus demonstrieren. Diese gegenseitigen Anfeindungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen sunnitischer und schiitischer Gruppen in der islamischen Welt zeigen nochmals eindeutig die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Förderung der Einheit sunnitischer und schiitischer Muslime in Deutschland.

„Die Einheit der Muslime ist heute wichtiger denn je!“

Immer noch bestehende Vorurteile zwischen vielen Sunniten und Schiiten auch in Deutschland sind nicht zu ignorieren. Nicht durch Ignoranz, sondern durch die Erkennung der Vorurteile bzw. Streitpunkte und die Anerkennung der sunnitischen und schiitischen Identitäten der Muslime können wir die Vorurteile abbauen und die vollständige Einheit sunnitischer und schiitischer Muslime in Deutschland realisieren. Es wird eine Bereicherung für alle Muslime sein, dass wir gemeinsam als Sunniten und Schiiten mit der ganzen islamischen Vielfalt einheitliche Strukturen auf der Bundesebene und in allen Bundesländern bilden. Alle Verantwortlichen in den sunnitischen und schiitischen Gemeinden sollen dieses Bewusstsein bei Muslimen in ihren eigenen Reihen fördern. In allen Grundsätzen des Islam sind Muslime, ob sunnitisch oder schiitisch, einig und einheitlich. Wer Vorurteile und Feindschaften zwischen Sunniten und Schiiten schürt, widerspricht der Botschaft des Korans und der Sunna zur Geschwisterlichkeit aller Muslime und schadet der Einheit der Muslime.

Hessische Muslime haben durch die Gründung der IRH im Jahre 1997 die erste Pionierarbeit für diese sunnitisch-schiitische Einheit auf der Landesebene geleistet. Die seitdem bestehende geschwisterliche, einheitliche und vorbildliche Zusammenarbeit der sunnitischen und schiitischen Mitgliedsgemeinden und deren Vertreter im Vorstand der IRH beweisen, dass die Einheit doch möglich war und ist. Dieses gute Beispiel zeigt sich mittlerweile auch in den anderen Schuren bzw. einheitlichen islamischen Landesverbänden. Der Bundesverband „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands“ trägt mit seinem eindeutigen Votum, seine Mitgliedsgemeinden zur Mitgliedschaft in die einheitlichen Landesreligionsgemeinschaften und –schuren anzuregen, zum Prozess der Einheit und Geschwisterlichkeit sunnitischer und schiitischer Muslime in den Bundesländern entscheidend bei.

Die gemeinsamen Landesstrukturen der Sunniten und Schiiten wie die IRH sind am besten geeignet, gegen die konfessionell bedingten Feindschaften und die diese Feindschaften schürenden Extremisten in Deutschland wirksam vorzugehen. Dies liegt nicht nur im Interesse der muslimischen Gemeinschaft sondern auch der Gesamtgesellschaft in Deutschland. Deshalb sind der Staat und die Politik gefordert, diesen Einheitsprozess sunnitischer und schiitischer Muslime auf Länder- und Bundesebene zu fördern. Ein islamischer Religionsunterricht gestaltet und organisiert gemeinsam von Sunniten und Schiiten, wie das Projekt der IRH, kann gegen alle möglichen extremistischen Strömungen in den Reihen der Muslime in Deutschland und Transportierung der Konflikte aus der islamischen Welt nach Deutschland am besten entgegenwirken.

Zum Schluss wünsche ich im Namen der IRH allen Muslimen in Hessen, Deutschland und weltweit einen gesegneten und friedlichen Ramadan. Ich bete Allah/Gott, dass der Ramadan zur Beendigung und Lösung der Konflikte in der islamischen Welt und zum Frieden in der ganzen Welt beiträgt.

27. Juni 2014

Ramazan Kuruyüz
(Vorsitzender der IRH/Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen)

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