Die Talkgäste: Mürvet Öztürk (MdL), Ali Bulut, Rumeysa Altinküpe

Die Talkgäste: Mürvet Öztürk (MdL), Ali Bulut, Rumeysa Altinküpe

„Türkei im Umbruch“ lautete das Thema einer von der Jugendvideogruppe „hessecam“ im Kunstcafé Alves veranstalteten Gesprächsrunde. Lea Schaefer (15) und Cem Eraslan (28) hatten mit dem aus Dutenhofen stammenden  Ali Bulut (29) und der GRÜNEN-Landtagsabgeordneten Mürvet Öztürk zwei kritische Stimmen zu den aktuellen Ereignissen in Istanbul aufgeboten, während die 19-jährige Abiturientin Rumeysa Altinküpe aus Werdorf Verständnis für das Vorgehen der türkischen Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Recep Erdogan bekundete.

Das Hessencam-Team hatte mit der Videokamera im Vorfeld bei einer Passantenbefragung Stimmen zu den Demonstrationen und Polizeiaktionen in türkischen Städten eingefangen, die von den Gästen aus unterschiedlicher Perspektive kommentiert wurden. „Es geht nicht nur um die geplante Umgestaltung des Gezi-Parkes“, ist sich Student Bulut sicher. „Die seit 2001 an der Macht befindliche AKP-Regierung will das Land von Grund auf umgestalten. Vom Alkoholkonsum angefangen bis hin zur Kinderzahl pro Familie machen sie den Leuten Vorschriften. Das wollen die aber nicht. Sie sind in sozialen Netzwerken organisiert und wehren sich gegen Bevormundung von oben.“ Mit der Regierung Erdogan verbindet man gemeinhin den wirtschaftlichen Aufschwung, den die Türkei in letzter Zeit erfahren hat, was Cem Eroslan zu der Frage veranlasste „Bringt der wachsende Wohlstand auch mehr Zufriedenheit?“. Ali Bulut ist da skeptisch: „ Der Wohlstand hat zwar zugenommen, aber es wird vieles privatisiert, Straßen und Brücken zum Beispiel. Es kommen Investoren von außen und kaufen alles auf.“ Rumeysa Altinküpe wandte sich gegen die negative Stilisierung Erdogans als rücksichtsloser Despot: „Er ist der gewählte Regierungschef der Türkei und seine Maßnahmen sind demokratisch legitimiert. Gerade für Studenten hat er eine Menge getan. Und eine Reglementierung von Alkoholkonsum gibt es auch in anderen Ländern, etwa in den USA.“

Türkei im Umbruch 2

Ali Bulut, Lea Schaefer und Rumeysa Altinküpe

Früher habe es in Schulen und Universitäten ein Kopftuchverbot für Frauen gegeben, um die strikte Trennung von Staat und Religion zu unterstreichen. „Es ist doch in Ordnung, dass muslimische Frauen an staatlichen Bildungseinrichtungen jetzt eine Kopfbedeckung ihrer Wahl tragen. Ich mache das übrigens an deutschen Schulen auch.“ Der AKP-Regierung deswegen eine Hinwendung zum islamischen Fundamentalismus vorzuwerfen, sei Unsinn. Erdogan sei als Regierungschef offen und volksnah, er müsse aber „die ganze Gesellschaft zusammenhalten“. Im Übrigen habe er in der Türkei 2 Milliarden Bäume pflanzen lassen. Hier widersprach die Landtagsabgeordnete Mürvet Öztürk: „Die Gestaltung innerstädtischer Parks ist eine Sache der betroffenen Bevölkerung und geht den türkischen Regierungschef nichts an. Viele Großprojekte werden von den Menschen als Umweltverbrechen wahrgenommen und sie wehren sich zu Recht dagegen. Mit Polizeigewalt wird man diese Leute nicht nach Hause knüppeln können.“ Öztürk forderte – statt autoritärer Lösungen – einen zivilgesellschaftlichen Dialog.

die Moderatoren: Lea Schaefer und Cem Eraslan

die Moderatoren: Lea Schaefer und Cem Eraslan

Hier kann sich „die große Türkei“  die mittelhessische Diskussionsrunde durchaus zum Vorbild nehmen. Ging man doch in der Wetzlarer Bahnhofstraße 1– trotz Differenzen in der Sache – betont freundlich und respektvoll miteinander um.

(pi)

 

Skype Kontakt mit Istanbul

Cem Eraslan spricht während der Sendung via Skype mit seinem Bruder über die aktuelle Situation in Istanbul